Verkehrte Welt
Wenn Jung und Alt die Rollen tauschen. Ein Erlebnis aus der Münchner U-Bahn
München, U6 Richtung Harras.
Mit mir steigt ein Mann in die U-Bahn, Ende 30, blond. Aus seinen Kopfhören dröhnt so laute Musik, dass ich in zwei Metern Entfernung noch ohne Probleme die Ramones erkennen kann. Vor meinem geistigen Auge ersteht spontan das gelbe Plakat wieder auf, das in meiner Kindheit in allen U-Bahnhöfen hing: »Aus dem Walkman dröhnt es grell, den Nachbarn juckt's im Trommelfell«, versuchte der MVV damals seine Fahrgäste zur Ordnung zu rufen. Mich juckt es im Trommelfell. Aber ich habe auch schon schlimmere Musik als die Ramones gehört, denke ich, als plötzlich ein junges Mädchen, vielleicht 16 Jahre alt, aufspringt.
Sie sieht mit ihren rot gefärbten Haaren, ihrem langen schwarzen Mantel und dem AC/DC-Aufnäher auf ihrer ebenfalls schwarzen Tasche nicht gerade so aus, als würde sie sich an einem zu laut gedrehten MP3-Player stören. Doch sie marschiert trotzig auf den vermeintlichen Übeltäter zu, reißt ihm den Kopfhörer aus dem Ohr und keift ihn an: »Stellen Sie das mal leiser, ich mache meine Musik hier ja schließlich auch aus.« Der Ramones-Fan läßt sich nicht aus der Ruhe bringen und sieht sie nur überrascht an. Als sofort ein weiterer Mann aufspringt, steckt er sich seelenruhig den Kopfhörer wieder ins Ohr, als wäre das alles nicht sein Bier.
»Notfalls mit Gewalt«
Der etwa 60-Jährige sagt bestimmt: »Lass den Mann in Ruhe", ein Abteil weiter hört man, wie der Notrufknopf gedrück wird - ohne Reaktion. Worte wie »Doofbacke« und Sätze wie »Meinen Sie, Sie können sich alles erlauben, weil ich eine Jugendliche bin« fallen. Ein weiteres mal wird der Notrufknopf gedrückt, und nochmal, bis der Zugführer endlich durchsagt: »Gedulden Sie sich mal. Ich muss auch erst die Notrufstelle anfunken.«
Währenddessen beruhigt sich der Streit weiter nicht; ich versuche zu schlichten. Nach kurzer Zeit zieht die Rothaarige beleidigt ab und der Senior setzt sich wieder, weiterschimpfend. Man müsse sich doch wehren, gegen »so jemanden« und »notfalls mit Gewalt«, verwickelt er seine Sitznachbarn in eine Diskussion. Als diese Gewalt verurteilen, ihm aber nicht wie aus der Pistole geschossen sagen können, wie man sich sonst wehren solle, bezeichnet er sie ohne Umschweife als »auch doof«.
Ich steige aus und fühle mich wie in einem schlechten Film.
© 2009 – Christoph M. Schröder
